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Möchtegern-Stadtrat der AFD gibt auf

AfD-Kandidat Nicolas Seifert verzichtet auf achten Durchfall (Artikel aus der Prenzlberger Stimme)

Nicolas Seifert, der AfD-Kandidat für einen Stadratsposten im Pankower Bezirksamt, gibt auf. „Er sieht keine Erfolgsaussichten mehr“, zitiert der rbb den stellvertretende Bezirksverbandssprecher Ronald Gläser. Seifert war zuvor in sieben Wahlgängen gescheitert, bei der letzten Bezirksverordnetenversammlung am 25 Januar mit einem noch schlechteren Ergebnis, als in den sechs Abstimmungen zuvor.

Schon der erste Auftritt ein Eklat

Auf Grund des Wahlergebnisses in Pankow steht der AfD das Vorschlagsrecht für einen Bezirksstadtrat zu. Doch offenbar verwechselte die AfD das recht ihrer Fraktionen einen Kandidaten zu benennen mit einer – nicht vorhandenen – Pflicht der Bezirksverordneten, diesen Kandidaten dann auch zu wählen.

Kaum anders jedenfalls ist es zu erklären dass Seifert und die AfD-Fraktion die anderen Mitglieder des Pankower Bezirksparlament bereits vor der konstituierenden Sitzung der BVV düpierten. Während sich alle anderen Stadtratskandidaten wie allgemein üblich vor der ersten BVV-Zusammenkunft den Fraktionen BVV vorstellten und ihnen ihre Vorstellungen über ihre Amtsführung darlegten, gab die AfD den Namen ihres Kandidaten überhaupt erst 72 Stunden vor der ersten Tagung bekannt.

Nicolas Seifert selbst erschien erst zur konstituierenden Sitzung – bis dahin weilte er im Urlaub, den er auch nicht für seine Vorstellung unterbrechen wollte. Allein diese Haltung ließ die übergroße Mehrheit an der Ernsthaftigkeit der Kandidatur und der Eignung des Kandidaten zweifeln.

In seiner Bewerbungsrede erklärte Seifert dann, dass er als Stadtrat sowieso nichts gestalten könne, da er ja von den Entscheidungen der BVV abhängig sei. Dafür rechne er aber mit „Widerstand von der Antifa und von Mitarbeitern“. Darüber hinaus werde er durch den Stadtratsjob erhebliche Einkommenseinbußen erleiden. Aber: „Einer muss es ja machen.“

Ärger wegen wegen eines Clowns

Der Eindruck besserte sich auch nicht nach Seiferts nachgeholter Vorstellungstour. Unisono war aus den Fraktionen zu hören, dass der AfD-Mann, der sich als erfolgreicher IT-Projektmanager darstellte, keinerlei Vorstellungen über die Arbeitsweise eines Bezirksamtes äußern konnte und auch sonst im Ungefähren blieb.

Zusätzliches Befremden rief seine anfängliche Weigerung hervor, allein vor die Fraktionen der BVV zu treten. Erst nach deutlichen Worten akzeptierte Seifert, dass der Fraktionsvorsitzende der AfD bei den Befragungen draußen zu bleiben hat.

Hinzu kam, dass ein Video auftauchte, das Seifert zeigte, wie er während einer AfD-Demonstration einen Reporter der der ZDF-Satiresendung „Heute Show“ im Clownskostüm (die AfD-Demo fand an einem 11.11. statt) tätlich angriff. Statt sich im Nachhinein für sein Verhalten zu entschuldigen, ließ er stattdessen verlauten, wer eine AfD-Demonstration störe, müsse sich über eine solche Reaktion seinerseits nicht wundern.

 

Selbstversenkung statt Befreiungsschlag

Als sich Seifert auf der BVV-Tagung am Mittwoch vergangener Woche dann doch noch dazu durchrang, sein Bedauern über den Vorfall zu äußern, nahm ihm das niemand mehr ab. Auch dass er nun – ein Vierteljahr nach seiner Bewerbung – ein 45-seitiges Pamphlet an die BVV-Fraktionen schickte, dass seine Qualifikation für einen Stadtratsposten belegen sollte, rettete ihn nicht mehr.

Im Gegenteil.

Das Konvolut, das – neben einigen zum Teil angejahrten IT-Zertifikaten – zu einem nicht unerheblichen Teil aus von den Internetseiten des Bezirksamtes abkopierten Texten und Tabellen bestand, konnte die Bezirksverordneten nicht überzeugen.

Für Heiterkeit sorgte dafür die darin enthaltene zuweilen unfreiwillig komische Selbstdarstellung des Kandidaten. So, wenn er seine besondere Eignung für die Leitung des Umweltamtes mit der Erzählung zu belegen gedachte, dass er als Kind zu Hause Jungigel über den Winter gebracht und 150 Gläser Marmemalde aus Früchten des elterlichen Gartens eingekocht habe.

Nachdem die ans Rednerpult getretenen Bezirksverordneten auch nach diesem Versuch des Kompetenznachweises bei ihrer ablehnenden Haltung blieben, schritt Seifert zur endgültigen Selbstdemontage.
In weinerlichem Ton erklärte er die ablehnenden Redebeiträge der Bezirksverordneten zu einem „Schauprozess“, bei dem nur „Mist“ über ihn ausgekippt worden sei und niemand seine 14jährige erfolgreiche berufliche „Lebensleistung“ gewürdigt habe.
Während sich bei dieser Abschlussrede des Kandidaten viele Anwesende das Lachen kaum oder gar nicht mehr verkneifen konnten, vermittelten die Mitglieder der AfD-Fraktion den Eindruck, ihr größter Wunsch wäre, mal eben kurz in den Boden zu versinken.

 

AfD-Sprecher schließt Klage gegen Nichtwahl weiterhin nicht aus

So gesehen ist der nunmehrige Kandidaturverzicht von Nicolas Seifert keine wirkliche Überraschung.

Denn selbst die meisten jener Bezirksverordneten, die zuvor aus welchen Gründen auch immer Stimmenthaltung geübt hatten, machten ihr Kreuz nun beim „Nein“. Mit nur sieben Ja und 43 Neinstimmen bei zwei Enthaltungen fuhr Nicolas Seifert schließlich das bisher schlechteste Ergebnis seiner auf sieben Wahlgänge.
Bei der BVV-Tagung im Dezember stimmten bei neun Enthaltungen immerhin noch zehn Bezirksverordnete für und „nur“ 35 Bezirksverordnete stimmten gegen ihn.

Die AfD-Fraktion, die mit dem seifertschen Pamphlet wohl hoffte, für eine ins Auge gefasste gerichtliche Auseinandersetzung mit dem Bezirk wegen der andauernden Nichtwahl ihres Kandidaten Punkte sammeln zu können, steht erst einmal ziemlich nackt da.
Bis zur nächsten BVV-Sitzung muss sie nun einen halbwegs ministrablen Stadtratskandidaten auftreiben. Ob sie dazu in der Lage ist, weiß im Moment niemand.

Dass AfD Sprecher Ronald Gläser laut rbb dennoch weiter mit einer gerichtlichen Einsetzung eines AfD-Mannes in das Pankower Bezirksamt liebäugelt, lässt Raum für die Vermutung, dass die Pankower Rechtsalternativen noch immer nicht in der Realität angekommen sind.

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