Emmentaler Str. 97, U-Bhf. Residenzstr.
Reinickendorf
Davor: 16:00 Uhr | Offizielle Einweihung der Gedenkplatte mit dem Bezirksamt und der Reinickendorfer Bezirksbürgermeisterin.
Der Mord an Beate Fischer
Am Abend des 23. Juli 1994 wurde Beate Fischer in Reinickendorf von einer Gruppe Neonazis misshandelt, vergewaltigt und ermordet. Über ihr Leben ist wenig bekannt. Sie war 32 Jahre alt, als sie starb, lebte damals in Weißensee und war Mutter zweier Kinder. Sie war verheiratet, lebte jedoch getrennt. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie zu dieser Zeit als Escort.
Beate Fischer kam am Morgen des 23. Juli 1994 von einer Feier. Unterwegs sprach sie eine Gruppe Nazis an, die sie aufforderten, mit ihnen zu kommen. Gemeinsam fuhren sie in die Wohnung eines der Nazis in der Emmentaler Straße, die seinerzeit Neonazis und rechten Skinheads als regelmäßiger Treffpunkt diente. Später behaupteten die Faschisten vor Gericht, Beate Fischer sei freiwillig mit ihnen gekommen. Eine Bekannte von Beate Fischer sagte jedoch in einer polizeilichen Vernehmung aus, sie würde Beate Fischer ein solches Verhalten nicht zutrauen, weil sie immer sehr vorsichtig gewesen sei und keine Sympathien für Rechte gehegt habe. Mehrfach versuchte Beate Fischer vergeblich, aus der Wohnung zu entkommen und die Täter davon zu überzeugen, sie freizulassen. Über zehn Stunden lang quälten die Nazis ihr Opfer, bevor sie Beate Fischer schließlich ermordeten.
Die Gewalt und der Sadismus, den die Faschisten an Beate Fischer auslebten, kamen nicht von ungefähr. Sie wurzelten in einer tiefen Verachtung gegenüber Frauen/FLINTA innerhalb der faschistischen Ideologie. Frauen/FLINTA werden in dieser Ideologie in die Rolle von Gebärmaschinen und Hausfrauen gedrängt, die dem Mann unterwürfig zu dienen haben. Diese grundlegende Misogynie verband sich bei ihren Mördern mit einem Hass auf Minderheiten, auf sogenannte „asoziale Elemente“. Als sogenannte „Asoziale“ brandmarkten die deutschen Faschisten Obdachlose, Bettlerinnen, Sexarbeiterinnen oder Frauen, die einen „unsteten Lebenswandel“ führten. Sie saßen zu Tausenden in den Arbeits- und Vernichtungslagern der Nazis.
Im Gerichtsurteil gegen Beate Fischers Mörder steht, dass sie wussten, dass sie Sexarbeiterin war: „Nach den Vorstellungen der Angeklagten gehörte sie damit einer Gruppe von Menschen an, die sie als ‚minderwertig‘ ansahen […] Wesentlich war es allen vier Angeklagten, ihre Dominanz zu demonstrieren und durch unterschiedliche Handlungen deutlich zu machen, dass sie eine Frau in ihrer Gewalt hatten und ihr überlegen waren.“ Weiter heißt es: „Nach ihrer Wolfsmoral haben sie Sex als die Bühne ihrer Macht benutzt.“
Misogynie als gemeinsames Bindeglied
Misogynie ist ein Kernelement rechter Ideologie, auch wenn Rechte dies unter anderem durch die Selbstinszenierung als „Frauenschützer“ oder durch junge Frauen in ihren Social-Media-Auftritten zu kaschieren versuchen. Doch das ist bloße Strategie. An anderer Stelle, wo es ihnen nützt, dient ihr Antifeminismus als Bindeglied zu Zielgruppen, die zwar nicht in erster Linie ihren Rassismus teilen, sehr wohl aber ihre Verachtung gegenüber Frauen/FLINTA: Maskulisten, Jungs mit TikTok-Accounts und Identitätsproblemen, Pick-up-Artists, Musiker, rechtsoffene Boomer oder Männer aus der Fitnessszene.
Antifeminismus hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der zentralen Mobilisierungsfelder der neuen wie auch der alten Rechten entwickelt. Und das nicht allein, weil sie durch Social Media mehr Möglichkeiten haben, ihre Propaganda zu verbreiten und sich gegenseitig hochzustacheln, sondern auch, weil immer mehr Frauen/FLINTA laut werden, gegen den Rückbau ihrer Rechte auf die Straße gehen, weil Schwestern massenhaft gegen Vergewaltigungskultur und Feminizide mobilisieren, weil sie für faire Bezahlung kämpfen, sich den digitalen und medialen Raum nehmen und sich gegenseitig stärken. Was wir an Hass gegen Frauen/FLINTA im Netz, auf der Straße und im „Privaten“ beobachten, ist der Versuch einer breiten antifeministischen Front, die danach strebt, Frauen/FLINTA in eine Zeit weit vor der Einführung des Frauenwahlrechts zurückzudrängen und zu unterwerfen. Wenn sie dies nicht tun, droht ihnen vielfach die Ermordung durch Männer, die sich in ihrem Besitzanspruch gekränkt fühlen.
Allein seit Beginn dieses Jahres wurden in Deutschland durch die Gewalt von (Ex-)Partnern, Verwandten oder Bekannten bereits 75 Frauen sowie zwei Mädchen getötet. Weitere 89 Frauen wurden teilweise schwer verletzt und überlebten die Tötungsversuche (One Billion Rising, Stand Juli 2026). Einen Feminizid, den wir in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt lassen möchten, ist der Mord an Marla am 3. April 2025 im hessischen Blasbach. Der Täter: ihr 32-jähriger Ex-Freund Francesco M. – ein lupenreiner Neonazi. Vorbestraft, bereits 2010 wegen eines rechten Brandanschlags und versuchten Mordes verurteilt – und letztlich auf einer Linie mit all den Männern, die aus Rachsucht, gekränkter Ehre und Besitzansprüchen Frauen/FLINTA aus dem Leben reißen.
Zusammen kämpfen, zusammen gedenken
Wir werden diesen gesellschaftlichen Rollback, diesen Rechtsruck auf allen Ebenen jedoch nicht hinnehmen. Wir werden uns ihm gemeinsam mit allen entgegenstellen, die bereit sind, sich mit uns zusammenzuschließen. Dieser Kampf schließt auch das Gedenken an all jene ein, die Opfer patriarchaler und faschistischer Gewalt geworden sind. Beate Fischer ist eine von ihnen. Wir trauern um diese Menschen und schöpfen aus dem Gedenken die Kraft, gemeinsam dafür zu streiten, dass das Morden endlich ein Ende hat. Gedenkveranstaltungen an den Todestagen der Ermordeten sind dafür wichtig, genauso aber auch Gedenkzeichen im öffentlichen Raum, die dauerhaft an die Ermordeten erinnern.
Darum freuen wir uns, dass am 23. Juli 2026 endlich eine Gedenkplatte für Beate Fischer vor dem ehemaligen Tatort eingeweiht wird. Erst am 12. Mai weihte Reinickendorfs Bezirksbürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner einen Gedenkstein für Ufuk Şahin ein – ein Schritt, für den lange gekämpft wurde, mit dem aber kaum noch jemand gerechnet hatte. Umso mehr freuen wir uns, gemeinsam mit euch ein öffentliches Gedenkzeichen für Beate Fischer einweihen zu können. Unser Dank gilt hier ausdrücklich der Partei Die Linke, die sich seit Langem dafür stark gemacht hat.
Um 16:00 Uhr findet die offizielle Einweihung der Gedenkplatte durch das Bezirksamt Reinickendorf statt. Um 18:00 Uhr organisieren Hydra e.V. und Trans*Sexworks eine Gedenkkundgebung. Zu den Gedenkveranstaltungen mobilisieren außerdem das „Niemand ist vergessen!“-Netzwerk, Antifa Nordost, Die Linke (Reinickendorf und LAG Feminismus), Omas gegen Rechts und MERA25.
Beteiligt euch am Donnerstag an der Einweihung der Gedenkplatte und am Gedenken.
Niemand ist vergessen!








