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[Junge Welt] »Wir lernen aus ihren Erfahrungen«

Teilnehmer der Demonstration gegen den Aufmarsch der Faschisten in Budapest (8.2.2020)

Internationale Solidarität
»Wir lernen aus ihren Erfahrungen«
Antifaschistische Gruppen arbeiten an stärkerer Vernetzung. Ein Gespräch mit Florian Gutsche
Von Marc Bebenroth

Sie haben am 8. Februar als Vertreter der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, VVN-BdA, an den Protesten gegen den Neonaziaufmarsch in Budapest teilgenommen. Wie kam es dazu?

Wir standen seit Ende 2019 mit Antifaschisten in Ungarn in Kontakt, um die Demonstration gegen den sogenannten Tag der Ehre der Faschisten vorzubereiten. Die Aktiven vor Ort fanden gut, dass wir dort mit ihnen protestierten und so ihre Reihen stärkten. Sie begrüßten zudem, dass verschiedene Strömungen der antifaschistischen Linken repräsentiert waren.

Welche waren das?

Neben uns waren auch Mitglieder selbstorganisierter Antifagruppen dabei. Die waren unter anderem aus Österreich und Schweden angereist. Die Idee dahinter war, sich die Situation vor Ort anzuschauen und in Abstimmung mit den Genossen in Ungarn herauszufinden, wie der Protest in den kommenden Jahren international breiter aufgestellt werden kann.

Wichtig war auch, Verbindungen zu Vertretern anderer gesellschaftlicher Gruppen aufzubauen. So hatten die ungarischen Genossen vor jenem Wochenende Kontakt zur Roma-Community aufgenommen und diese bei ihrem Protest gegen einen anderen Neonaziaufmarsch im Budapester Umland unterstützt. Im Gegenzug haben die Roma zugesagt, am 8. Februar in Budapest mitzudemonstrieren.

War die internationale Teilnahme an der Demonstration ein Ergebnis der Konferenz »Sprete Fashizma – Faschismus stoppen« am 18. Januar in Berlin-Kreuzberg (siehe jW vom 5.2.)?

So ist es. Bei ersten Treffen einzelner Antifaschisten wurde darüber gesprochen, wie man die Proteste in der ungarischen Hauptstadt mit Hilfe von Aktiven aus anderen Ländern verstärken kann. Danach fand die von der VVN-BdA sowie den Gruppen ­»Antifa Westberlin«, »Postkom« und »North East Antifa« organisierte Konferenz statt. Im Nachgang dazu gab es weitere Gespräche.

Was war Ihr Eindruck von der Situation in Budapest und Ungarn?

Sie ist auf jeden Fall deutlich schlechter als in Deutschland. Die Neonazis konnten sich in der Stadt in jeder Hinsicht frei bewegen. Auffällig war, dass die Polizei ein Stück weit ihr Gewaltmonopol an die Faschisten abgetreten hat. Denen wurde die Kontrolle von Taschen und Presseausweisen überlassen. Das ist auch eine Form der Repression von Nazigegnern.

In Ungarn ist die Stimmung nach wie vor schlecht. Das Regime von Ministerpräsident Viktor Orban hat offenbar keine Probleme, mit Hardcore-Nationalisten und Faschisten zu kooperieren, wenn es beispielsweise gegen Migrantinnen und Migranten geht.

Wie geht es nun weiter?

Zunächst sitzen nach dem Protest nun verschiedene Akteure an einem Tisch. Den Aktiven vor Ort hilft die internationale Aufmerksamkeit. Wir lernen von ihren Erfahrungen und stehen mit ihnen im engen Austausch hinsichtlich der Zusammenarbeit in den kommenden Jahren. Die Genossen in Budapest befinden sich noch am Anfang ihres Aufbauprozesses. Und wir können uns an deren Motivation, aktiv zu werden, ein Beispiel nehmen.

Wo mangelt es an Kooperation?

Die könnte gerade in Richtung Frankreich oder auch Italien besser sein. Das ist unter anderem eine Frage der Entfernung. Da sind für uns aus Berlin Länder wie Polen oder Tschechien zunächst näher dran. Dennoch muss auch im Rahmen der sozialen Frage, die derzeit in Frankreich verhandelt wird, mehr gemeinsam gemacht werden. In Italien formieren sich die sogenannten Sardinen zum Protest. Das muss jeweils ausgebaut werden.

Die VVN-BdA ist Teil der Internationalen Vereinigung der Widerstandskämpfer, FIR. Welche Rolle spielt diese bei der Zusammenarbeit von Antifaschisten in Europa?

Die FIR hatte Ende 2019 alle Mitgliedsorganisationen aufgerufen, Delegationen nach Budapest zu entsenden. Allerdings war nur die VVN-BdA vertreten. Mit den neuen Kontakten dürfte es 2021 ein wenig besser laufen. Auch wollen wir den italienischen Partisanenverband mit ins Boot holen.

Florian Gutsche ist Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten

Aus: Ausgabe vom 19.02.2020, Seite 15 / Antifa

Quelle: www.jungewelt.de/artikel/372931.internationale-solidarität-wir-lernen-aus-ihren-erfahrungen.html

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