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Bericht & Fotos – Weißensee: 200 Menschen auf der Straße gegen rassistische Übegriffe

Weißensee: 200 Menschen auf der Straße gegen rassistische Übegriffe

Entlang der Straßenbahnlinie M4 (Buschallee/Hansastraße) kommt es in letzter Zeit vermehrt zu rassistisch motivierten Übergriffen. Allein von Mitte Mai bis Mitte Juli waren es insgesamt drei an der Zahl.

  • 17. Mai 2015: zwei Menschen werden an einer Straßenbahnhaltestelle in der Buschallee von einer Person rassistisch beleidigt und angegriffen. | Info (Tagesspeigel)
  • 01.Juli 2015: Eine Familie wird aus dem „Café By Albert“ von zwei Gästen angegriffen. | Info (Tagesspiegel)
  • 19. Juli 2015: Eine schwangere Person aus Polen wird in der Straßenbahnlinie M4 zwischen den Haltestellen Feldtmannstraße und Malchower Weg beleidigt, bespuckt und nach dem Aussteigen erneut vom Täter angegriffen. | Info (Berliner Kurier)

Aus diesem Anlass riefen antifaschistsiche Gruppen für den 23. Juli zu einer Demonstration auf, an der sich rund 200 Menschen beteiligten. Im Vorfeld der Demonstration kam es zu mehreren rassistischen Äußerungen aus dem „Café By Albert“ in der Buschallee 30.

„Café By Albert“

Bei einer spontanen Flyerverteilaktion am 8. Juli, welche den rassistischen Übergriff vor dem „Café By Albert” thematisierte, wurde versucht, mit der Belegschaft des Cafés ins Gespräch zu kommen. Auf die Frage, ob Flyer mit Informationen zu den rassistischen Übergriffem im Lokal ausgelegt werden können, reagierte die Angestellte agressiv und äußerte sich zu dem Übergriff am 1. Juli wie folgt: „Die zwei haben nichts gemacht. Die Anzeige wird doch sowieso fallen gelassen. Was ist denn mit der Flüchtlingsfamilie? Sicher hört man von denen nichts mehr. Die wohnen doch wahrscheinlich längst nicht mehr hier und wurden abgeschoben in ihre Heimat. Da, wo sie hingehören.“.

Im Vorfeld der Demonstration am 23. Juli veranstalteten die Netzwerkstellen moskito (Pankow) und Lichtblicke (Lichtenberg) einen Tatortmarkierungsspaziergang rund um die Buschallee und Hansastraße. Dabei wurde erneut versucht, mit der Angestellten des „Café By Albert“ ein Gespräch zu führen. Auch hier äußerte sich die Angestellte rassistisch und nahm die Angreifer in Schutz. Bei dem Gesprächsversuch sagte sie des Weiteren zu ihren Gästen: „Das sind die wieder, die wegen dem Zigeuner klatschen“ und regte sich unentwegt auf. Daraufhin wurde versucht, mit anwesenden Gästen im Barraum zu sprechen. Zwei junge Männer reagierten auf Fragen anfangs unwissend, gaben bei genauerem Nachfragen jedoch Preis, dass sie, ebenso wie die Angestellte die Angreifer kennen. Sie gaben an, dass die Polizei „Schwachsinn“ schreibe und nahmen die Täter ebenfalls in Schutz. Auch sonst gaben die beiden allerlei rassistische Äußerungen von sich. Einer der befragten Männer, welcher sich ebenfalls durch antiromaistische Sprüche verhortat, haben einen migrantischen Backround. Genau so wie der Inhaber des Ladens. Allerdings steht die Ablehnung von „Sinti und Roma“ nicht zwangsläufig im Widerspruch dazu.

Als die Netzwerkstellen in der Nähe des „Café By Albert“ ihren Tatortmarkierungsspaziergang fortsetzten, rief die Angestellte des Cafés die Polizei. Die Polizei verlangte zunächst die Personalien einzelner Teilnehmer*innen des Rundgangs und riss anschließend die Markierungen wieder ab.

Rassistische Pöbeleien, Angriffe und rechtsoffe Kiezkneipen

Nach nur drei Tagen Mobilisierungszeit war die antifaschistische Demonstration mit über 200 Teilnehmer*innen gut besucht. Der Demozug bewegte sich von der Indira-Gandhi Straße über die Buschallee in Richtung des „Café By Albert“, wo die erste Zwischenkundgebung stattfinden sollte. Kurz zuvor wurden junge Männer am nahe gelegenen EDEKA-Markt gesichtet, unter denen sich eine Person mit „HOGESA“-Shirt befand. Die Gruppe schien die Demo bewusst zu beobachten. Teile der Gruppe (Fotos: Person mit Handy-Kamera, dnkle Haare, HipHop-Shirt) sind auch öfter an der Badestelle am Weißensee anzutreffen. Auf der Buschallee hisste ein Nazi die Flagge des Deutschen Reiches (Dienstflagge des Reichskolonialamts 1892–1918) und bepöbelte Teilnehmer*innen der Demonstration.

„Als der 24-Jährige an ihrem Balkon vorbeikam, wurde er von den beiden Männern rassistisch beleidigt und aufgefordert, Deutschland zu verlassen. Der 24-Jährige ignorierte die Beleidigungen und lief zunächst weiter. Daraufhin verließen die Männer den Balkon – und kamen kurz darauf mit einem Baseballschläger bewaffnet auf die Straße. Der 24-Jährige sagte der Polizei, dass die bewaffneten Männer gezielt auf ihn zugekommen seien. Er suchte Hilfe bei Polizeibeamten, die den Demonstrationszug begleiteten.“ heißt es in einem Bericht des Tagesspiegels zu einem Vorfall, der sich unmittelbar während der Demo ereignete. Bei einem der zwei Angreifer handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um den Nazi, der mit der Reichsfahne provozierte. Die Täter im Alter von 32 und 37 Jahren, die sich anschließend in ihr Haus zurückgezogen hatten, wurden von den anwesenden Polizisten zum Einsatzwagen geführt, die Baseballkeule wurde beschlagnahmt.

Nachdem die Demonstration vor dem „Café By Albert“ in Redebeiträgen den Übegriff, den Anstieg rassistischer Attacken und das Wegschauen der Politik kritisiert hatte, zog die Demo weiter „Zum Nudelholz“ in der Falkenberger Straße. Der Wirt der Kneipe hatte im Jahr 2010 versucht, eine Bürgerinitiative gegen eine nahegelegene Geflüchtetenunterkunft zu gründen. 2011 hatte er zu einer Anwohner*innenversammlung gegen die Geflüchteten geladen. An dieser beteiligten sich Dietmar Pallas (Mitglied der rechten Partei „Die Freiheit“) und als einziger Vertreter der demokratischen Parteien Dirk Stettner von der CDU Pankow. Auch wenn die Geschehnisse lange zurückliegen, so ist es dennoch wichtig, derlei rassistische Bestrebungen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Entsprechend verdutzt guckten Gäste und Personal, als die Demonstration auch bei ihrer Kneipe halt machte. Einer der Gäste (Fotos: breit gebaut, weißér Pullover) zeigte gegenüber den Demoteilnehmer*innen den „Deutschen Gruß“ bevor er ins „Nudelholz“ ging. Ein Grund mehr also, um das Lokal erneut zu thematisieren.

Die Demonstration endete, nach einer längeren Wegstecke durch Einfamilienhaussiedlungen, an der Feldmannstraße mit Redebeiträgen und Danksagungen an alle Teilnehmer*innen.

…die Ecke muss im Auge behalten werden.

Mit dem „Café By Albert“ gibt es einen Ort an der Grenze zwischen Hohenschönhausen und Weißensee, wo sich diese Klientel problemlos treffen kann und zudem Rückendeckung durch die Tresenkräfte erhält. Der Laden macht nicht den Eindruck, als sei es eine Kneipe in die jede*r einkehrt, sondern als handle es sich um eine Art verlängertes Wohnzimmer für die eigene Stammklientel. Der Name der Kneipe wurde in der ersten Auflage der Anwohner*innen-Flyer wohlgemerkt nicht erwähnt, um nicht vorverurteilend zu wirken. Eine Entscheidung, die durch die Ereignisse letzten Donnerstag hinfällig ist. Das „Café By Albert“ muss als Ort benannt werden, an dem sich eine rechte bis rechtsoffene Klientel problemlos sammeln kann.
Die Demo war die richtige Antwort, zur richtigen Zeit. Gerade die schnelle Reaktion auf den erneuten Übergriff an der Feldmannstraße sorgte für die Kontextualisierung der letzten Übergriffe. Dass das legitime und durchaus nicht nur „linksradikale“ Anliegen, dass Menschen nicht wegen ihrer Herkunft oder aufgrund ihres Äußeren angegriffen werden sollten, nicht selbstverständlich ist, zeigte sich an den Reaktionen während der gesamten Demo. Die Ecke hat auf jeden Fall ein massives Problem mit gewaltaffinen Altagsrassist*innen, was durch Pöbeleien während der Demo deutlich wurde. Ohne die Demo wäre dies warscheinlich nicht so offensichtlich geworden. Die Demonstration war somit ein Stich ins Wespennest, der er verdeutlichte, dass es es sich nicht um Einzeltaten handelt.

North-East Antifascists [NEA], Juli 2015

Presse:

Fotos:

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