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Antifa-Debatte: Nicht jammern, Antifa aufbauen!

nea_logoBeitrag der North-East Antifascists [NEA] zur aktuellen Debatte um das Konzept Antifa. In der Tageszeitung Neues Deutschland erscheint dazu zur Zeit eine Artikelreihe unter dem Titel: „Antifa in der Krise?„. Unseren Beitrag, in einer gekürzten Variante gibt es hier.

Nicht jammern, Antifa aufbauen!

Es wird wieder diskutiert in der radikalen Linken – immerhin. An der Gretchenfrage nach der Aktualität und Sinnhaftigkeit des Konzepts Antifa als Organisationsform scheiden sich die Geister, als Reaktion lösen sich Gruppen auf, treten neue amorphe Gebilde zutage. Das Geschrei ist groß – doch warum eigentlich? Es ist zu hören, die Krise habe die antifaschistische Bewegung tief getroffen, eine Krise ihrer eigenen Unzulänglichkeit, des Scheiterns an den eigenen Ansprüchen und der gesellschaftspolitischen Realität, will mensch denjenigen glauben, die innerhalb der Debatte die Position einnehmen, Antifaschismus als Organisation sei nicht länger zeitgemäß für die radikale Linke. Andere halten dagegen, verweisen auf die Notwendigkeit und Aktualität explizit antifaschistischen Engagements in Zeiten von AfD, PEGIDA und eines Europa heimsuchenden Rechtsrucks.

Mögen die Positionen kontrovers sein, bemerkenswert ist, dass die Gruppen und Personen, die maßgeblich an dieser Debatte beteiligt sind, eine relativ lange Vergangenheit mit und in der Antifa-Szene haben. Sie waren Teil ihrer Erfolge und sind jetzt ebenso hautnah Teil ihrer Krise.

So pathetisch es klingen mag: unser aller „Leben“ innerhalb der radikalen Linken, die Hassliebe zu ihr, der Spagat zwischen den eigenen politischen Utopien und den realen Widersprüchen beim Überführen dieser – als Kritik, als Kämpfe – in die Gesellschaft, prägen die Debatte genauso mit, wie analytisch-pragmatische Überlegungen über die Sinnhaftigkeit des organisierten Antifaschismus heute.

Doch bei allem Verständnis für die Frustration (ehemaliger) autonomer und antifaschistischer Aktivist*innen nach jahrelanger politischer Arbeit, trotz unserer eigenen Wahrnehmung der desolaten Situation aus Apathie und politischer Bedeutungslosigkeit – betrachtet mensch beispielsweise das geringe antifaschistische Engagement gegen rassistische „Bürger*innen“ und Nazis und deren diffuse Ängste vor unkontrollierten Flüchtlingsströmen und einer „Islamisierung des Abendlandes“ – alles Symbole für das Fehlen eines nennenswerten gesellschaftlichen Einflusses antifaschistischer Politik, sagen wir dennoch: nicht antifaschistische Organisierung ist der falsche Ansatz, sondern eher das Bewusstsein der Beteiligten in unseren Zusammenhängen.

Die antifaschistische Bewegung hat ihre Basis verloren. Tragisch, denn nachdem die Angehörigen der historischen antifaschistischen Aktion im Nationalsozialismus verfolgt und ermordet worden sind, scheinen auch deren Inhalte und Kämpfe dem Vergessen anheim zu fallen. Tradition ist mit Sicherheit nicht alles – zumal aus radikal linker Perspektive. Wichtig ist vor allem eines: Antifaschistische Aktion bedeutete von Beginn an mehr als nur Aktionismus und punktuelle politische Kampagnen gegen Neonazis, wie Peter Schaber (jw, 28.01.15) richtig feststellte. War die historische Antifaschistische Aktion, neben ihren Kampf gegen das Erstarken faschistischer Kräfte, nicht zuletzt auch »die Organisierung des Massenkampfes für die Verteidigung der Lebensinteressen der Werktätigen«, so muss sie auch heute mehr zu bieten haben, als Demos, Blockaden, Outings und Soli-Partys zur eigenen Bespassung. Denn ohne eine fundierte antikapitalistische Gesellschaftskritik, ohne die Nennung, Beurteilung und Bekämpfung derjenigen politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen, sowie deren Akteure und Profiteure, in denen sich neonazistische, (kultur-)rassistische, sexistische und andere Ideologien und Inhalte, die auf Ausschluss und soziale Hierarchisierung aufbauen, verbreiten und gedeihen können, verkommt Antifaschismus zur bloßen „Feuerwehrpolitik“ ohne gesellschaftlichen Mehrwert – wie die Genoss*innen von Siempre Antifa FFM in ihrer großartigen Verteidigungsschrift der Antifaschistischen Aktion richtig angemahnt haben.(„Antifa bleibt notwendig! 08.01.15) Dieser zahnlose „Antifaschismus“ ist es, den mittlerweile auch der Staat und politische Eliten für sich zu nutzen gelernt haben, indem sie selbst sich als Teil des Problems ausklammern – ohne, dass die radikale Linke ihrem Treiben entschieden einen Riegel vorschiebt!

Organisierter emanzipatorischer Antifaschismus kann jedoch niemals staatsaffirmativ sein – ebenso wenig, wie er ohne eine gesellschaftliche Basis auskommt!

Die historische Antifaschistische Aktion organisierte den Widerstand gegen den Faschismus als gesamtgesellschaftliche Erscheinung und Bedrohung. Heute, zu einer Zeit, in der rechtspopulistische Parteien wie die AfD mit sozialchauvinistischen Thesen ernstzunehmende Erfolge feiern, zu einer Zeit, in der rassistische und kulturalistische Nazi-Bürger*innen-Allianzen wie PEGIDA ihre regressive Hass- und Angstpropaganda massenweise auf die Straße tragen, ist es mit Sicherheit unzureichend, wenn antifaschistische Politik einzig bedeutet, sich diesen Erscheinungen entgegenzustellen. So essentiell antifaschistischer Widerstand sein mag, er darf nicht ausklammern, dass die bekämpften Phänomene bloß Produkte eines auf Leistung, Ungleichheit, auf rassistischen und sozialen Ausschluss gegründeten Systems sind. Dessen politische Eliten geben nur vor, dessen Abfallprodukte in Form rechter Ideologien zu bekämpfen, die sich maßgeblich aus einer diffusen Angst vor sozialer Deklassierung speisen und in Ängste vor vermeintlichen „Flüchtlingsströmen“ und „islamistischem Terror“ in den eigenen vier Wänden kanalisiert werden. Schließlich handelt es sich bei PEGIDA und anderen lautstarken Verfechter*innen monokausaler Sündenbock-Theorien zum großen Teil um Geister, die die politisch Verantwortlichen selbst gerufen haben – und die zudem äußerst nützlich sind zur Durchsetzung einer zunehmenden Abschottungs- und Ausschluss-Politik.
Die antifaschistische Linke hingegen verfällt allzu oft in Symptombekämpfungsreflexe, anstatt entschieden und kompromisslos das ganze politische und wirtschaftliche System im Kern anzugreifen. Ein Problem der gesamten radikalen Linken und somit eines ihrer Krisenphänomene ist nämlich, dass „Antifaschismus“ längst zu einem lifestyle verkommen ist, der sich unglaublich bequem in den den kapitalistischen Alltag integrieren lässt und diesen somit nicht zuletzt auch aus Sicht libertärer Aktivist*innen normalisiert. Auch über die zunehmende Popkulturalisierung der Antifa sind bereits (zu) viele Worte verloren worden, über ihr gemächliches Verkommen zu einer Jugend-Subkultur unter vielen, mit eigener Musik, dresscodes, einer eigenen Sprache. Denn wahr ist: „Antifa“ lebt zu Teilen von der Vermarktung eines „radikalen“ Lebensgefühls durch allerhand Merchandise und besitzt ein gut funktionierendes infrastrukturelles und mediales Netz, welches es Aktivist*innen ermöglicht, große Teile ihres Lebens in einer Art „Parallelgesellschaft“ zu verbringen – weitab vom regressiven Mainstream, dem repressiven Staat und dem „rassistischen Pöbel“. Wenn wir von falschem Bewusstsein sprechen, dann meinen wir nicht zuletzt auch den Habitus vieler Linksradikaler aus der antifaschistischen Subkultur, sich als politische Avantgarde zu verstehen, die sich in ihrem Elfenbeinturm aus Stadtteilläden und politischer Vernetzung untereinander am wohlsten fühlt. Doch die Vorstellung einer „Avantgarde“ ohne gesellschaftliche Basis ist ein allzu lächerliches Gebilde.
Paradox: Die halbe Szene kauft Rojava-Solishirts, aber von Basis-Organisierung wollen wir nichts wissen?

Aufbau, Erweiterung und Verteidigung zugänglicher basisdemokratischer Strukturen auf lokaler und Vernetzungsebene sollten jedoch mehr sein, als der in andere Weltgegenden projizierter romantischer Traum der hiesigen radikalen Linken! Das bedeutet auch, mit denjenigen kommunizieren zu müssen, die eventuell (noch) nicht den eigenen „revolutionären Standards“ entsprechen. Das bedeutet, Zugänge zu schaffen für Interessierte und Aktivist*innen-Nachwuchs, ansprechbar zu sein für zivilgesellschaftliche Initiativen – ohne die eigenen Inhalte aufzugeben oder weichzuspülen.

Ein Grund, warum wir den Rückzug großer Teile der ehemals antifaschistischen Szene in überregionale Großstrukturen a la IL äußerst skeptisch betrachten, ist, dass dieser nicht nur so wirkt wie ein Versuch, die eigene strukturelle Schwäche durch personelle Größe und einen noch weitergehenden Rückzug in die eigene Parallelwelt zu kaschieren. Wie Siempre Antifa FFM richtig feststellten, ist der „Aufbau stärkerer und sich intensiver koordinierender Strukturen, die kontinuierlich am Ausbau der eigenen Basis arbeiten, (…) nur ausgehend von den Gegebenheiten vor Ort möglich. Organisationen ohne lokale materielle Verankerung hingegen bleiben ein Papiertiger. Wo sie angesichts drängender Herausforderungen schweigen, spielen sie sich mit dem Management von Großevents die Illusion eigener Stärke vor“.

Will die radikale Linke jemals zu einer ernstzunehmenden gesellschaftlichen Kraft werden, zu einer echten Bedrohung für das kapitalistische System, dessen Apologet*innen und faschistoide Auswüchse, muss es uns gelingen, über den Tellerrand des Szenesumpfs zu schauen. Dazu müssen wir die eigene Sinn- und Organisationskrise überwinden, die Berührungsängste zur „Normalbevölkerung“.
Fest steht: aktionistischer, antifaschistischer Protest, das Zeigen der eigenen Präsenz auf der Straße ist aktuell eine absolute politische Notwendigkeit. In Zeiten Berlin- und bundesweiter Panikmache gegen Geflüchtete, die sich nicht zuletzt Neonazis und Rassist*innen zunutze machen, muss der konkrete antirassistische und antifaschistische Widerstand dringend intensiviert werden.

Doch auch wichtige Protestaktionen mit „Eventcharakter“ können dabei ein sehr guter Ansatzpunkt sein, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die bisher nicht organisiert antifaschistisch aktiv sind.
Viele von uns, die bereits seit langer Zeit Teil der radikalen Linken sind, hatten unsere ersten Berührungspunkte mit ihr, unsere ersten Erfolgserlebnisse, unsere ersten Erfahrungen mit dem repressiven Staat durch praktischen antifaschistischen Widerstand. Viele von uns haben der Antifaschistischen Aktion vieles zu verdanken. Sie kann nur durch uns, unser Engagement und unsere Inhalte weiterleben. Dazu gilt es, sich vom eigenen subkulturellen Avantgarde-Denken zu verabschieden, eine entschiedene antifaschistische Praxis weiterhin auf die Straße und in die Gesellschaft zu tragen, unsere Strukturen zukunftsorientiert und zugänglicher zu gestalten und nicht zu vergessen, dass der Begriff „Antifaschistische Aktion“ schon immer eine Kampfansage bedeutete an ein ausbeuterisches menschenfeindliches System und dessen Profiteure.

 


 

Gekürzte Variante: Erscheinen in der Tageszeitung Neues Deutschland am 24.02.2015

Nicht jammern, Antifa aufbauen!

Es wird wieder diskutiert in der radikalen Linken – immerhin. An der Gretchenfrage nach der Aktualität und Sinnhaftigkeit des Konzepts Antifa als Organisationsform scheiden sich die Geister, als Reaktion lösen sich Gruppen auf, treten neue amorphe Gebilde zutage.

Es ist zu hören, die Krise habe die antifaschistische Bewegung getroffen, eine Krise ihrer eigenen Unzulänglichkeit, des Scheiterns an den eigenen Ansprüchen und der gesellschaftspolitischen Realität. Antifaschismus als Organisation sei nicht länger zeitgemäß für die radikale Linke. Andere verweisen dagegen auf die Notwendigkeit und Aktualität explizit antifaschistischen Engagements in Zeiten von AfD, PEGIDA und eines Europa heimsuchenden Rechtsrucks.

War die historische Antifaschistische Aktion, neben ihren Kampf gegen das Erstarken faschistischer Kräfte, nicht zuletzt auch »die Organisierung des Massenkampfes für die Verteidigung der Lebensinteressen der Werktätigen«, so muss sie auch heute mehr zu bieten haben, als Demos und Soli-Partys zur eigenen Bespaßung. Denn ohne eine fundierte antikapitalistische Gesellschaftskritik, verkommt Antifaschismus zur bloßen „Feuerwehrpolitik“ ohne gesellschaftlichen Mehrwert – wie die Genoss*innen von Siempre Antifa FFM in ihrer großartigen Verteidigungsschrift der Antifaschistischen Aktion richtig angemahnt haben („Antifa bleibt notwendig! 08.01.15).

Ein Problem der gesamten radikalen Linken und somit eines ihrer Krisenphänomene ist dabei, dass „Antifaschismus“ zu einem lifestyle verkommen ist, der sich bequem in den kapitalistischen Alltag integrieren lässt und diesen somit nicht zuletzt auch aus Sicht libertärer Aktivist*innen normalisiert. Denn wahr ist: „Antifa“ lebt zu Teilen von der Vermarktung eines „radikalen“ Lebensgefühls durch Merchandise und besitzt ein funktionierendes infrastrukturelles und mediales Netz, welches es Aktivist*innen ermöglicht, große Teile ihres Lebens in einer Art „Parallelgesellschaft“ zu verbringen – weitab vom regressiven Mainstream und dem repressiven Staat. Wenn wir von falschem Bewusstsein sprechen, dann meinen wir nicht zuletzt auch den Habitus vieler Linksradikaler aus der antifaschistischen Subkultur, sich als politische Avantgarde zu verstehen. Doch die Vorstellung einer „Avantgarde“ ohne gesellschaftliche Basis ist ein allzu lächerliches Gebilde.

Paradox: Wir kaufen Rojava-Solishirts aber wollen von Basis-Organisierung nichts wissen?
Der Aufbau basisdemokratischer Strukturen auf lokaler und Vernetzungsebene sollten jedoch mehr sein, als der in andere Weltgegenden projizierter romantischer Traum der hiesigen radikalen Linken!

Ein Grund, warum wir den Rückzug großer Teile der antifaschistischen Szene in überregionale Großstrukturen a la IL skeptisch betrachten, ist, dass dieser nicht nur wirkt wie ein Versuch, die eigene strukturelle Schwäche durch personelle Größe und einen noch weitergehenden Rückzug in die eigene Parallelwelt zu kaschieren. Wie Siempre Antifa FFM richtig feststellten, ist der „Aufbau stärkerer und sich intensiver koordinierender Strukturen, die kontinuierlich am Ausbau der eigenen Basis arbeiten, (…) nur ausgehend von den Gegebenheiten vor Ort möglich. Organisationen ohne lokale materielle Verankerung hingegen bleiben ein Papiertiger. Wo sie angesichts drängender Herausforderungen schweigen, spielen sie sich mit dem Management von Großevents die Illusion eigener Stärke vor“.
Fest steht: Widerstand, das Zeigen der eigenen Präsenz auf der Straße ist eine politische Notwendigkeit. In Zeiten von PEGIDA, AfD & Co muss der konkrete antirassistische und antifaschistische Widerstand intensiviert werden.

Viele von uns haben der Antifaschistischen Aktion vieles zu verdanken. Sie kann nur durch uns, unser Engagement und unsere Inhalte weiterleben. Der Begriff „Antifaschistische Aktion“ bedeutete immer eine Kampfansage an ein ausbeuterisches menschenfeindliches System und dessen Profiteure.

Das ausführliche Diskussionspapier ist unter www.antifa-nordost.org abrufbar.

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